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Entscheidungsmüdigkeit zuhause: Du bist nicht unordentlich, du bist entscheidungsmüde

Martina Hirte-Schwab
vor 1 Tag
8 Min. Lesezeit

Ich verrate dir was: Bei uns landen die Klamotten über der Badewanne.


Ein T-Shirt hier, eine Hose da. Nicht, weil wir es nicht besser wüssten. Sondern weil wir für diese Sachen noch kein gescheites System gefunden haben.


Irgendwann kriege ich einen Rappel und räume alles weg. Und ein paar Tage später hängt da wieder was.


Und ich mache das hier beruflich. Seit über 30 Jahren, angefangen mit 17 im Hotel – unter anderem als Hausdame.


Wenn es dir ähnlich geht, dann lass dir eins gleich am Anfang sagen:

Das hat nichts damit zu tun, dass du unordentlich bist. Oder faul. Oder es „einfach nicht kannst“. Es hat einen Namen.


Entscheidungsmüdigkeit.

Entscheidungsmüdigkeit – kurz erklärt

Entscheidungsmüdigkeit (englisch: decision fatigue) ist die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir viele Entscheidungen hintereinander treffen müssen. Zuhause zeigt sie sich oft durch Stapel, Aufschieben und das Gefühl, gar nicht erst anfangen zu können.


Was ist Entscheidungsmüdigkeit?


Jeder Gegenstand in deinem Zuhause stellt dir eine kleine Frage. Wohin mit mir? Brauchst du mich noch? Wann kümmerst du dich?


Hat ein Ding einen festen Platz, ist die Frage schnell beantwortet. Hat es keinen, musst du jedes Mal neu überlegen. Jeden Tag. Bei jedem Teil.


Das macht müde. Nicht nur nach einem großen Umbruch, wenn plötzlich Hunderte Fragen auf einmal kommen – nach einer Trennung, einem Umzug, im Ruhestand. Sondern ganz normal, mitten im Alltag. Viele kämpfen genau dort damit: Die Dinge haben keinen festen Platz, oder das passende System ist noch nicht gefunden.


Dazu kommt das Leben. Keine Zeit. Keine Lust. Und genug andere To-dos, die gerade wichtiger sind.


Das ist nicht dramatisch. Es ist einfach anstrengend.



Entscheidungsmüdigkeit und Gehirn: Warum Neues Kraft kostet


Unser Gehirn ist ein echter Energiesparer. Alles Neue steuert der vordere Teil, der fürs bewusste Nachdenken zuständig ist – und das kostet Kraft. Tun wir etwas oft genug, wandert es in einen tieferen, sehr alten Bereich, die Basalganglien. Dort läuft es fast automatisch ab, wie ein gespeichertes Programm. So wie Zähneputzen.


Die Psychologin Wendy Wood hat herausgefunden, dass rund 43 Prozent von dem, was wir täglich tun, solche Gewohnheiten sind. Ohne Nachdenken. Ohne Entscheidung. Ohne Willenskraft.


Routinen nehmen dem Kopf also Arbeit ab. Und genau deshalb mag das Gehirn Neues ehrlich gesagt nicht besonders.


Und dann gibt es noch uns ADHSler. Wir mögen Neues sogar besonders.


In unserem Gehirn ist weniger Dopamin verfügbar, deshalb brauchen wir den Kick. Vielleicht erklärt das auch meinen Rappel über der Badewanne: Alles auf einmal wegräumen fühlt sich großartig an. Jeden Tag ein T-Shirt aufhängen eher nicht.


Dabei sind Routinen gerade für uns besonders wichtig, weil sie dem Kopf abnehmen, woran er sonst ständig denken muss. Und gerade uns fällt es besonders schwer, sie aufzubauen.


Wenn du das kennst: Du bist nicht faul. Dein Gehirn funktioniert einfach anders.


Stell dir eine Wiese vor. Beim ersten Mal stapfst du durchs hohe Gras, und es ist mühsam. Beim zweiten Mal ein bisschen weniger. Nach dem zehnten Mal ist da ein Pfad, und du läufst ihn, ohne nachzudenken.


So funktioniert es auch im Kopf. Was wir neu lernen, müssen wir immer wieder tun, bis es sich im Gehirn verknüpft hat. Erst dann wird es leicht – im Schnitt nach gut zwei Monaten, hat eine Studie aus London gezeigt.


Nach einem Umbruch hast du keinen Pfad, sondern eine ganze Wiese. Aber auch im Alltag gilt: Hat ein Ding keinen Platz, gibt es keinen Pfad. Du stehst jedes Mal wieder im hohen Gras. Kein Wunder, dass du müde bist.



Stapel: das typische Zeichen von Entscheidungsmüdigkeit


Kennst du das? Irgendwo liegt ein kleines Häufchen. Ein Brief, ein Zettel, eine Mütze. Und eine Woche später ist es ein Stapel.


Das ist wie mit dem Müll am Straßenrand. Liegt da einmal etwas, wird es immer mehr. Und immer mehr. Und immer mehr.


Das ist nicht nur ein Gefühl. Es hat sogar einen Namen: den Broken-Windows-Effekt. Die Idee dahinter stammt von zwei amerikanischen Sozialwissenschaftlern, James Wilson und George Kelling. Ein zerbrochenes Fenster, das niemand repariert, sagt: Hier kümmert sich keiner. Und schon folgen die nächsten.


Zuhause kennst du das von der Kommode im Flur. Ist sie leer, zögerst du, etwas abzulegen. Liegt schon ein Stapel drauf, kommt ganz schnell noch etwas dazu.


Und das Schöne: Es funktioniert auch andersherum. Forscher der Universität Groningen haben beobachtet: Wer vorher jemanden fegen sah, half danach fast doppelt so oft einem Fremden, dem die Einkäufe heruntergefallen waren. Ordnung steckt an.


Viele Stapel sind deshalb ein ganz typisches Zeichen für Entscheidungsmüdigkeit. Denn was ist ein Stapel eigentlich?


Ein Stapel ist eine Entscheidung, die noch wartet.

Woran du Entscheidungsmüdigkeit zuhause erkennst


  • Überall liegen kleine Stapel – Post, Zettel, Kleidung.

  • Du sagst oft: „Mach ich später.“

  • Manche Schubladen und Schränke machst du lieber gar nicht erst auf.

  • Schon der Gedanke ans Aufräumen macht dich müde.

  • Du räumst Dinge von einer Ecke in die andere, statt zu entscheiden.


Erkennst du dich wieder? Gut. Dann weißt du jetzt, wo du ansetzen kannst. Und du musst das nicht allein: Im kostenlosen Erstgespräch finden wir heraus, welcher Weg zu dir passt.



Was gegen Entscheidungsmüdigkeit hilft: ein fester Platz


Eigentlich ist es ganz einfach: Nimmst du etwas raus, tust du es wieder rein.


Klingt einfach, oder?


Ist es nicht. Siehe Badewanne.


Denn das Zurückräumen funktioniert nur, wenn ein Ding überhaupt einen festen Platz hat. Hat es keinen, gibt es nichts, wohin du es zurücklegen könntest. Also bleibt es liegen. Und wir sind wieder beim Stapel.


Bei uns sind es die Klamotten, die einmal getragen wurden. Schmutzig sind sie nicht, frisch aber auch nicht mehr. Sie „lüften erst mal“ – du weißt, was ich meine. In den Schrank zu den frischen Sachen? Nein. In die Wäsche? Auch noch nicht. Also landen sie über der Badewanne.


Als unsere Tochter klein war, hatten wir dafür ein Körbchen im Bad. Da kamen ihre Sachen rein – reingelegt, reingestopft, egal. Hauptsache, sie hatten einen Platz. Für uns Große fehlt so etwas noch. Ein Wäscheständer, ein Haken, irgendwas. Ich suche noch.


Und genau das ist der Punkt: Das Problem sind nicht die T-Shirts und auch keine fehlende Methode. Es ist eine Entscheidung, die noch offen ist. Und die treffe ich gerade. Der Rappel, bei dem ich alles auf einmal wegräume, löst das übrigens nicht. Er räumt nur den Stapel weg – nicht die offene Frage dahinter.


Deshalb fängt Ordnung nicht beim Aufräumen an, sondern bei der Entscheidung.


Was du jetzt brauchst, bekommt einen Platz in deinem Zuhause. Bei allem anderen entscheidest du, wohin es gehen darf.


Und wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst: Genau dafür gibt es KlarRaum. Wir schauen gemeinsam hin, klären, was jetzt dran ist, und machen einen Plan, wie es für dich gehen kann.


Willst du den Weg danach nicht allein gehen, gibt es LebensRaum. Dort schauen wir gemeinsam hin, und du entscheidest, was einen Platz in deinem Zuhause bekommt und wohin der Rest gehen darf – Schritt für Schritt, über zwölf Wochen.


Übrigens entscheiden auch deine Möbel mit, ob Ordnung leicht oder schwer wird. Dazu erzähle ich dir bald mehr.



Eine Box ist ein Stapel mit Deckel


Jetzt denkst du vielleicht: Dann kaufe ich ein paar schöne Boxen, und das Problem ist gelöst.


Ich bin da ehrlich gesagt kein Fan. Wenn alles in Plastikboxen wandert, ist keine einzige Entscheidung getroffen. Sie ist nur verschoben. Umräumen ist keine Entscheidung. Verräumen auch nicht. Und etwas in eine Box packen erst recht nicht.


Eine Box ist ein Stapel mit Deckel. Sieht ordentlicher aus. Die Frage ist trotzdem noch offen.



Die wichtigste Regel: Schau, was reinkommt


Wenn ich dir nur eine einzige Regel mitgeben dürfte, dann diese:


Was gar nicht erst reinkommt, muss auch nicht raus.


Es braucht keinen Platz. Es landet auf keinem Stapel. Und es stellt dir keine Frage.


Auch das ist eine Entscheidung: ganz bewusst zu wählen, was in dein Zuhause einziehen darf. Gerade jetzt, so kurz vor Weihnachten, lohnt sich das. Zeit statt Zeug. Wir haben damals zum Beispiel mit den Großeltern besprochen, was wir uns für unsere Tochter wünschen – und was lieber nicht. Das war eine der besten Entscheidungen überhaupt.



Vergnügt statt perfekt


So viel zu den Regeln. Und jetzt das Gegengewicht: Keine davon musst du perfekt erfüllen. Denn oft steckt hinter dem Gefühl „Ich krieg das nicht hin“ etwas ganz anderes: Perfektionismus.


Meine Tochter und ich haben dafür dieses Jahr ein Motto. Gefunden haben wir es auf einer

Gesichtsmaske von Mr. & Mrs. Panda, und es trifft es einfach:


„Ich lebe um vergnügt, und nicht um perfekt zu sein.“


Wenn die Fenster mal nicht geputzt sind – kein Problem. Wenn irgendwo eine Staubfluse liegt – dann liegt da halt eine Staubfluse. Und wenn der Esstisch zwei Tage lang Arbeitsplatz ist und entsprechend aussieht, dann ist das eben so.


Übrigens: Ordnung und Sauberkeit sind zwei verschiedene Dinge. Ein Zuhause kann blitzblank sein und trotzdem voller offener Fragen. Und umgekehrt.


Es muss nicht immer alles clean, beige und perfekt sein. Es darf auch bunt sein. 😉 Es soll zu dir passen. Und es soll dich nicht ständig Kraft kosten.



Nicht jeden Tag. Und mit Spaß.


Ganz wichtig: Du musst das nicht jeden Tag schaffen. Es gibt Tage, da geht es. Und es gibt Tage, da geht es nicht. Dann zwing dich nicht. Das sagt übrigens auch die Studie aus London: Einen Tag auszulassen, hat beim Lernen einer neuen Gewohnheit nichts kaputt gemacht.


Und der Spaß muss immer mit dabei sein. Ordnung, die sich nur nach Pflicht anfühlt, hält nicht lange. Freu dich über jede Entscheidung, die du triffst – gerade über die kleinen.


Denn jede getroffene Entscheidung ist eine Frage weniger, die dein Zuhause dir stellt.



Häufige Fragen zur Entscheidungsmüdigkeit


Was ist Entscheidungsmüdigkeit, einfach erklärt?

Entscheidungsmüdigkeit ist die Erschöpfung nach vielen Entscheidungen. Jedes Ding ohne festen Platz verlangt immer wieder eine neue kleine Entscheidung – und das kostet Kraft.


Woran erkenne ich Entscheidungsmüdigkeit zuhause?

Typisch sind Stapel an mehreren Stellen, häufiges „Mach ich später“, Schränke, die du lieber nicht aufmachst, und Müdigkeit schon beim Gedanken ans Aufräumen.


Was hilft gegen Entscheidungsmüdigkeit beim Aufräumen?

Ein fester Platz für die Dinge, die du wirklich brauchst, und ein bewusster Blick darauf, was neu ins Haus kommt. Boxen helfen dagegen wenig – sie verschieben die Entscheidung nur. Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, hilft ein klarer Plan.


Wie lange dauert es, bis eine neue Ordnungsroutine sitzt?

Laut einer Studie des University College London im Schnitt gut zwei Monate. Einzelne ausgelassene Tage schaden dabei nicht.



Außen klar, innen klar


Das Schönste daran: Wenn sich der äußere Raum klärt, klärt sich auch der innere. Weniger offene Fragen in der Wohnung bedeuten weniger offene Fragen im Kopf.


Und das zeigt dir kein Vorher-Nachher-Bild. Ein Foto zeigt einen einzigen aufgeräumten Tag. Eine Routine, die zu dir passt, zeigt dein ganzes Leben.


Am Ende geht es genau darum. Jede Entscheidung, die ich nicht treffe, trifft irgendwann jemand anderes für mich. Und das will, glaube ich, keiner. Solange du selbst entscheidest, bleibt dein Zuhause deins.



Jetzt bist du dran


So, jetzt ist gut. Jetzt bist du dran.


Wie immer gilt: Nimm dir, was dir dient, und lass weg, was dir nicht dient.

Mir hat es Freude gemacht, das für dich zu schreiben – und ich wünsche mir, dass es dir genauso viel Freude macht, es zu lesen.


Und wenn du Hilfe möchtest, melde dich gern. Also beim Entscheiden, gell. 😉



Mit KlarRaum bekommst du deinen klaren ersten Plan: ein Termin bei dir zuhause in Aschaffenburg und Umgebung, und danach weißt du, was jetzt dran ist.


Steckst du mitten in einem Umbruch und willst nicht allein durch? Dann begleite ich dich mit LebensRaum zwölf Wochen lang.


Noch nicht so weit? Dann mach den kostenlosen 2-Minuten-Test „Was bleibt?“ unter tinahirte.de/quiz.


P.S. Ja, genau, richtig gelesen: Ich habe ADHS. Und nein, bei mir ist das kein Hype – die Diagnose habe ich schon seit 20 Jahren.


Quellen: Wilson, J. Q. & Kelling, G. L. (1982): Broken Windows. The Atlantic. · Keizer, K., Lindenberg, S. & Steg, L. (2008): The Spreading of Disorder. Science 322. · Lally, P. u. a. (2010): How are habits formed. European Journal of Social Psychology 40. · Wood, W., Quinn, J. & Kashy, D. (2002): Habits in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology 83. · Universität Mainz, Psychologische Beratungsstelle: Informationspaper AD(H)S. · CHADD: Habits That Serve You Are Key to Success When You Have ADHD. · Planet Wissen: Gewohnheiten und Hirnforschung; Broken Windows (planet-wissen.de)

 


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